Die dritte Welle der systemischen Kolonisation

Plattformkapitalismus und die menschenrechtliche Krise des Gedächtnisses und der Öffentlichkeit

Autor*innen

  • Daniel Valente Pedroso de Siqueira Universidade Federal do ABC image/svg+xml

DOI:

https://doi.org/10.60935/mrm2026.31.1.37

Schlagwörter:

Habermas, Plattformkapitalismus, systemische Kolonisation, Öffentlichkeit, epistemische Gerechtigkeit, kollektives Gedächtnis, algorithmische Rechenschaftspflicht

Abstract

Dieser Artikel bietet eine kritische Diagnose des Plattformkapitalismus als zeitgenössische Form der systemischen Kolonisation der Lebenswelt, basierend auf Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns und seiner Genealogie der Öffentlichkeit. Es wird argumentiert, dass wir eine dritte Welle der systemischen Kolonisation erleben, die durch die algorithmische Plattformisierung des sozialen Lebens, die Extraktion von Daten als ökonomische und epistemische Ressource und die strukturelle Untergrabung von Menschenrechten gekennzeichnet ist. Im Gegensatz zu früheren Wellen, die von Geld und administrativer Macht angetrieben wurden, operiert diese neue Welle direkt mit Sprache, Gedächtnis und der kommunikativen Infrastruktur der Lebenswelt – insbesondere durch den Einsatz von Large Language Models (LLMs), die menschliche Interaktion automatisieren und desubjektivieren. Der Artikel zeichnet die Entwicklung vom Strukturwandel der Öffentlichkeit zur Theorie des kommunikativen Handelns nach und begründet die normative Bedeutung kommunikativer Rationalität für die demokratische Legitimation. Er diagnostiziert, wie digitale Plattformen die systemische Logik intensivieren und dadurch Deliberation, Sozialisation und kollektives Gedächtnis transformieren. Unter Rückgriff auf zeitgenössische kritische Theorie werden die epistemischen Ungerechtigkeiten und pathologischen Deformationen der Anerkennung im digitalen Kapitalismus analysiert. Fallstudien veranschaulichen die Unzulänglichkeit fragmentierter staatlicher Antworten auf ein transnationales Phänomen. Abschliessend wird argumentiert, dass die dritte Welle der Kolonisation als Menschenrechtskrise verstanden werden muss, die neue normative und rechtliche Rahmenbedingungen im internationalen Menschenrechtssystem erfordert.

Veröffentlicht

2026-08-13

Ausgabe

Rubrik

Abhandlungen